Der Friseurberuf ist in der Familie Blatter seit fast hundert Jahren Tradition. Bereits im Jahr 1928 hatte Fritz Blatter ein Friseurgeschäft für Herren und nachdem dieser 1959 starb, wurde der Salon vorerst vermietet, bis sein Sohn Peter Blatter ihn 1968 wiedereröffnete. Heute ist Lia Blatter die Inhaberin des Familienunternehmens und für ihre Kundschaft nach fast drei Jahrzehnten nicht mehr aus dem idyllischen Ort wegzudenken.

Nachdem auch der Sohn Jo Blatter im Jahr 2006 seine Ausbildung zum Friseur erfolgreich abgeschlossen hatte, war es ihm besonders wichtig seine handwerklichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und sie bei seinen Eltern im Friseursalon in Lichtenau einzubringen. Doch damit nicht genug: In einem angrenzenden Nebenraum rief er bald seinen eigenen Barbershop ins Leben…

Die „Barberstub“ – deren Eröffnung

Jo Blatter im vergangenen Mai gelang, ist in fester Männerhand. Gemeinsam mit seinem Vater Peter Blatter setzen sie die Klingen an die Männerkehlen und rasieren in gemütlicher Runde Bärte oder schneiden Haare, während die Kunden zufrieden ihr Bier schlürfen.

Die Idee für den Barbershop kam
Jo Blatter in der Stadt Achern, wo ihn sein Weg zunächst hinführte. Als er dort in seiner WG in einer gemütlichen Runde mit seinen engsten Freunden zusammensaß, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: „Ich verspürte den Drang mein eigenes Ding zu machen. Meine Schwester hatte in diesem Zeitraum ein eigenes Nagelstudio im Salon meiner Mutter. Gemeinsam haben wir also mit dem Gedanken gespielt, anstelle des Nagelstudios einen kleinen Barbershop zu integrieren und einen Ort für Männer zu schaffen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon ganz genau, dass das Inventar so aussehen sollte, als wäre alles ‚zusammengeklaut‘. Nachdem ein Kumpel von mir dann auch noch in Rotterdam im Barbershop Schorem war, wurde mir immer klarer, dass ich einen möglichst authentischen Barbershop ins Leben rufen wollte, denn von Schorem haben wir uns erstmal inspirieren lassen. So in etwa haben wir angefangen und es wurde dann aber immer mehr zu meiner Sache.“

Das Inventar in der Barberstub ist Old School, lässig und im Stil der 1920`er Jahre. Einzelne Stücke der Einrichtung sind fast hundert Jahre alt und wurden bei einem Elsässer Antiquitätenhändler erworben. Um jedoch schließlich den gesamten Barbershop auszustatten, waren mehrere Gänge auf verschiedene Flohmärkte nötig. Wie originalgetreu die Einrichtung ist und wie sehr die eigene Familientradition im Vordergrund steht, erkennt man u.a. daran, dass die Schwarzweiß-Fotografien an den Wänden aus dem eigenen Familienalbum der Groß- und Urgroßeltern sind. Die wären sicher stolz, wenn sie ihrem Enkel bei der Arbeit über die Schulter blicken könnten. Denn Friseur ist nicht gleich Barber! So musste sich Jo zunächst einmal schulen lassen und begab sich direkt in die Obhut seines Vaters, der das traditionelle Handwerk sehr gut beherrscht und dort zum alten Eisen gehört.

„Vor der Eröffnung hat mein Vater mir gezeigt, wie man mit den Schneidemaschinen arbeitet und natürlich auch rasiert. Er hat mich immer wieder motiviert, denn vorher konnte ich es nur ein bisschen und hätte mich nie getraut. Da gibt es wirklich lustige Geschichten, da ich ja irgendwie üben musste und zur ‚Übung‘ wurden Kumpels von mir nach Hause bestellt – und mussten bluten!“ lacht Johannes laut. „Den letzten Input in Sachen ‚Schulung‘ hatte ich zwei Wochen vor unserer Eröffnung in einem tollen Barber-Seminar in Schondorf. Dort habe ich ebenfalls sehr viel gelernt und die Schulung war eine große Bereicherung für mich, da mein Vater die klassischen Techniken beherrscht und ich dort die Gelegenheit bekam, modernere Ansätze zu erlernen.“

Vater und Sohn sind anfangs von dem Erfolg der Barberstub überrascht, empfangen mittlerweile aber ihre Kunden aus dem gesamten Schwarzwald und Städten wie Karlsruhe, Baden-Baden, Freiburg und Straßburg.

Der Service ist in jedem Fall ausgezeichnet und die Anzahl der Kunden variiert nur deshalb so stark, weil sie von der Art der Behandlung abhängt: „Im Durchschnitt bediene ich etwa 8 – 16 Kunden pro Tag. Es kommt immer darauf an, was sich der Kunde wünscht. Generell planen wir etwa eine halbe Stunde für ‚Rasur‘ oder ‚Schnitt‘ und für das Gesamtpaket ‚Rasur mit Schnitt‘ logischerweise eine ganze Stunde. Es ist alles sehr locker und entspannt bei uns. Im Hintergrund läuft Rock ’n’ Roll und bevor wir beginnen, bekommt der Kunde erst einmal ein Bier oder ein Glas Whisky.

Es ist wirklich kaum zu glauben, aber seit Mai 2015 hatte ich vielleicht insgesamt nur 10 Stunden Leerlauf. Wir sind also komplett ausgebucht. Im Moment sind die Samstage bereits vier Wochen im Voraus ausgebucht. Wir sind sehr glücklich darüber und freuen uns, dass die Nachfrage so groß ist. Meine Eltern sind sehr unkompliziert und obwohl wir uns anfangs in der Planung nicht immer ganz einig waren, funktioniert unsere Zusammenarbeit heute wirklich reibungslos. Mein Vater ist cool! – Die Kunden finden ihn
auch cool!“

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass es Jo gelungen ist, einen komplett neuen Kundenstamm aufzubauen: „Ich war ja vorher in Achern, deshalb war ich bei meiner Ankunft erstmal ‚neu‘ und hatte auch keine Stammkunden. Die Kunden kamen zunächst aus meinem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis. Mein Vater arbeitete im Friseursalon mit meiner Mutter und hat natürlich nach unserer Eröffnung ein paar Kunden mitgenommen. Die Kunden, die bei den Mädels im gemischten Salon sind, bleiben ihnen treu! Die setzten auch keinen Fuß in die Barberstub. Am Anfang haben sich viele von uns, inklusive mir, die Frage gestellt, ob tatsächlich so viele Männer von weiter außerhalb nach Lichtenau kommen würden. Wir haben nicht damit gerechnet, dass gleich so viele von weiter weg kommen würden. Für mich persönlich ist bei der Arbeit der100%ige Einsatz unumgänglich. Natürlich ist Spaß ebenfalls sehr wichtig. Die Abwechslung entsteht dann auch schon einmal, wenn Männer eine Vorstellung von einer Frisur haben und diese eigentlich gar nicht umzusetzen ist, weil die entsprechende Haarlänge fehlt. Oder manchmal sieht der Kunde ein Bild von einer Frisur, die ich dann schneiden soll. Nun wünscht er aber statt den 0,8 mm wie auf dem Bild, 6 mm – was dann eine ganz andere Frisur ergibt! Das sieht er dann nicht mal ein... Manche Männer sind bezüglich dessen schlimmer als Frauen.“

In der Barberstub herrscht striktes Frauenverbot solange auch nur ein Kunde da ist: „Die Männer sind hier unter sich und reden über Politik, ihre Beziehungen und natürlich auch über Frauen. Da haben die Damen natürlich nichts zu suchen und dürfen innerhalb der Öffnungszeiten die Barberstub nicht betreten. Diese Regel gilt dann im Übrigen sogar für meine eigene Mutter!“